Samstag, 12. Mai 2018

Rezension: "Schoßgebete" von Charlotte Roche

Titel: Schoßgebete
Autorin: Charlotte Roche
Verlag: Piper
Seitenzahl: 288
Genre: Gegenwartsliteratur

Inhalt(Klappentext)

Sie liegt immer auf der Lauer, ist immer kontrolliert, immer aufs Schlimmste gefasst. Nur beim Sex ist Elizabeth Kiehl plötzlich frei, nichts ist ihr peinlich. Dann vergisst sie alle Pflichten und Probleme. Und hat nur ein Ziel vor Augen -mit der Liebe ihres Lebens für immer zusammenzubleiben.

Meine Meinung

Nachdem ich Charlotte Roche´s ersten Roman "Feuchtgebiete" damals eher abstoßend fand und die Bewertungen für "Schoßgebete" nicht wirklich gut sind, habe ich erstmal nicht viel von dem Buch erwartet. ABER ich wurde positiv überrascht und muss sagen, dass ich das Buch wirklich toll fand. Es geht zwar wieder mit einer sehr detailreichen Bettszene los, aber davon darf man sich nicht direkt abschrecken lassen. Denn in dem Buch geht es um viel mehr als um wilde Sexgeschichten, auch wenn diese natürlich immer wieder eine Rolle spielen. Ganz prüde Menschen werden mit dem Roman daher schon ihre Probleme haben. 

Aber wenn man sich auf das Buch einlässt, bekommt man unglaublich tiefe Einblicke in die Psyche einer traumatisierten Frau, die versucht nach einem harten Schicksalsschlag ihr Leben zu leben. Sie geht regelmäßig zu ihrer Therapeutin, arbeitet an sich und auch Sex ist für sie wie eine Art Therapie. Sie liebt ihren Mann Georg abgöttisch und tut alles, um ihm zu gefallen - sie geht sogar mit ihm in den Puff und hat daran auch noch selber Spaß. Das muss man ja nicht gut finden, aber es ist auf jeden Fall amüsant zu lesen und sehr unterhaltsam. 

Ich konnte das Buch jedenfalls kaum zur Seite legen und habe Elizabeths Gedanken sehr gut nachvollziehen können. Das Buch hat mich berührt, es hat mich traurig gemacht, aber auch zum Lachen gebracht. 

Der Schreibstil ist sehr umgangssprachlich und teilweise vulgär, aber eben auch authentisch. Ich hatte beim Lesen wirklich das Gefühl, dass Charlotte Roche sich alles von der Seele geschrieben hat, ohne darüber nachzudenken, was die Leser davon halten könnten. Es ist ein sehr offenes, mutiges und schonungslos ehrliches Buch, denn immerhin verarbeitet die Autorin darin ihre eigene Vergangenheit. 

Ein kleiner Kritikpunkt für mich war nur das extrem offene Ende. Da hätte ich mir ein bisschen was anderes gewünscht. Wegen mir hätte das Buch gerne noch länger sein können und die Entwicklung bei Elizabeth damit etwas größer.

Lieblingszitate

"Ich betrete jeden Tag Neuland, weil meine Mutter es mir nicht mitgegeben hat, wie man wo bleibt, wie man Wurzeln schlägt, wie man bei einem Mann bleibt. Wie man an etwas arbeitet. Investiert. Ich möchte das meinem Kind aber bieten. Man sagt doch: Ohne Wurzeln kann man später nicht fliegen. Ich kann nicht fliegen. Ich bin der lebende Beweis, dass dieser Spruch stimmt. Ich habe Angst, weil ich entwurzelt bin."

"Ich denke viel über meine Therapie nach, sie bestimmt mein Leben, ich brauche diese Stütze. Ich begreife mich selber als ein kleines Hortensienbüschchen, das regelmäßig geschnitten werden muss, von meiner Therapeutin, sonst wuchere ich aus mit all meinen kaum zu kontrollierenden Ängsten und psychischen Störungen, sodass ich alles und jeden, der mir lieb ist um mich herum, abtöte."

"Ich löse mich fast auf in dem Wunsch zu gefallen. Meinem Mann, meiner Therapeutin, meinem Kind, den Nachbarn, den Freunden. Der Kellnerin im Café. Bis nichts mehr von mit übrig bleibt."

Bewertung

Ich bewerte das Buch mit 4 von 5 Sternen, da es mich mitgerissen und gefesselt hat, ich es mir nur etwas länger gewünscht hätte um mehr Entwicklung bei Elizabeth zu sehen. 

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