Montag, 11. September 2017

Rezension: "Drüberleben" von Kathrin Weßling

Titel: Drüberleben
Autorin: Kathrin Weßling
Verlag: Goldmann Verlag
Seitenzahl: 320
Genre: Gegenwartsliteratur

Inhalt (Klappentext)

Ida steht zum wiederholten Mal in ihrem Leben vor der Tür einer psychiatrischen Klinik, mit einem Zettel, auf dem ihr Name und der Grund für ihren Aufenthalt genannt sind: F 32.2. Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. »Drüberleben« erzählt von den Tagen nach diesem Tag, von den Nächten, in denen die Monster im Kopf und unter dem Bett wüten, den Momenten, in denen jeder Gedanke ein neuer Einschlag im Krisengebiet ist. Es erzählt von Gruppen, die merkwürdige Namen tragen, von Kaffee in ungesund großen Mengen, von Rückschlägen und kleinen Fortschritten, von Mitpatienten und von Therapeuten. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich zehn Wochen in eine Klinik begibt und dort lernt zu kämpfen. Gegen die Angst und gegen das Tiefdruckgebiet im Kopf.

Meine Meinung

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gepackt, da es so ganz anders ist, als andere Bücher. Der Schreibstil ist ungewöhnlich und erinnert an Poetry Slam, den die Autorin selbst auch betreibt oder zumindest betrieben hat. Er ist intensiv, tiefgründig und hat auf mich einen regelrechten Sog ausgeübt. 

Die 24-jährige Ida Schaumann war eine authentische Protagonistin, in die ich mich gut hineinversetzen konnte. Wenn man selber an Depressionen leidet oder gelitten hat, wird man sich in vielen Gedankengängen von Ida wiederfinden und wenn man von dieser Erkrankung nicht betroffen ist oder war, wird man Menschen mit eben dieser sehr viel besser verstehen können. 

Mich hat die Autorin mit dem Buch sehr berührt und ich war immer wieder beeindruckt davon, wie sie die passende Worte für Gedanken und Gefühlszustände findet, die ich nicht hätte in Worte fassen können. Und ich fand es toll, dass es nicht die Art Buch war, die ich schon so oft zu dem Thema gelesen habe, bei dem am Ende alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und die Depressionen besiegt sind und der Vergangenheit angehören. Denn leider ist es in der Realität selten so einfach und viele Betroffene leiden ein Leben lang an Depressionen, die immer wieder kommen. 

Ein einziger kleiner Kritikpunkt war für mich das abrupte Ende, aber trotzdem ist es ein absolut gelungenes Buch, das mir sehr viel gegeben hat. 

Lieblingszitate

"Du willst ja nicht jeden Morgen das Gefühl haben, dass du schon wieder ganz neu beginnen musst, dass jeder Tag so unvorstellbar riesig und unbezwingbar groß ist, dass du ihn gar nicht besiegen kannst, diesen Tag, du willst nicht jeden Morgen aufwachen und das Gefühl haben, dass du viel zu klein für so große Tage und so große Aufgaben bist, du willst lieber einfach weitermachen, so wie die anderen, du willst in diesen warmen Fluss zurück, in dem man einfach herumschwimmt und mitschwimmt und mitmacht und morgens aufwacht und einfach aufsteht und weitermacht. Keine Neuanfänge mehr, sondern nur noch Anschlüsse an das Gestern, an das Vorgestern, an das irgendwann letzten Monat."

"In der Dunkelheit wirkt sich Stille wie ein Verstärker aus. Anstelle der Synapsen zwischen die Nervenzellen angeschlossen, potenziert er alle Sinneseindrücke beinahe um ihr Quadrat. Ähnlich verhält es sich mit den Gedanken, die in der Dunkelheit von einem weißen Rauschen zu klaren Frequenzen aus Bildern und Tönen werden. Sich in die Dunkelheit zu flüchten ist nur eine Option des Äußeren, nur eine Versteckmöglichkeit des Körpers in seiner Umwelt. Alles Innere tritt erst in der Dunkelheit hervor, in der Stille, in der Einsamkeit einer Nacht, die wie diese ist."

"Die Welt gehört ins Irrenhaus und die Irren in die Welt."

Bewertung

Ich bewerte das Buch mit 5 von 5 Sternen, da es mich sprachlich und inhaltlich vollends überzeugt hat, authentisch ist und es für mich das beste Buch ist, was ich bisher zum Thema Depressionen gelesen habe. 











1 Kommentar:

  1. Hallo Steffi, ich habe vor längerer Zeit dieses Buch gelesen, Ich muss mal bei LB schauen, ob ich damals etwas dazu geschrieben habe. Das Thema hat mir die Augen geöffnet für die Krankheit und der Schreibstil der Autorin ist faszinierend,,,,
    LG Angela

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