Dienstag, 28. März 2017

Rezension: "Vom Ende der Einsamkeit" von Benedict Wells

Titel: Vom Ende der Einsamkeit
Autor: Benedict Wells
Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 368
Genre: Gegenwartsliteratur

Inhalt

Es geht um die drei Geschwister Jules, Marty und Liz, die eine unbeschwerte Kindheit haben bis zu dem Tag, an dem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. 
Jules selbst hat im Erwachsenenalter einen Motorradunfall und erinnert sich, im Krankenhaus liegend, zurück an sein bisheriges Leben: an seine Kindheit, seine Jugend und die Zeit als Erwachsener. Dabei beobachtet der Leser, wie grundverschieden die drei Geschwister sind und wie unterschiedlich sie ihr Leben nach dem Tod der Eltern weiterführen. Jeder geht seinen eigenen Weg und sie distanzieren sich voneinander.
Jules, der als junges Kind unerschrocken und mutig war, zieht sich nach dem schweren Schicksalsschlag immer mehr zurück und schließt Freundschaft mit Alva, einem unergründlichem Mädchen, das ihm mehr bedeutet, als er sich anfangs eingestehen will. Doch das wird ihm erst klar, als sie sich aus den Augen verlieren. Jahre spätere treffen sich die beiden wieder.

Meine Meinung

Dieses Buch wird mir noch sehr lange im Kopf bleiben. Es hat mich wahnsinnig berührt und sehr nachdenklich gemacht. Wells stellt hier die Frage, was an einem Menschen das Unveränderliche ist. Also das, "was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte". Allein diese Frage finde ich wahnsinnig spannend, auch wenn es keine richtige Antwort darauf gibt. Wir alle werden durch unsere Kindheit, die Umwelt, Schicksalsschläge und vieles mehr geprägt, aber trotzdem geht jeder Mensch anders damit um, wie man z.B. an den drei Geschwistern in diesem Buch sieht. Obwohl alle drei ihre Eltern verloren haben, wird der eine sehr nachdenklich und introvertiert, der andere geht scheinbar unbeirrt seinen Weg, immer auf ein Ziel hinarbeitend, wobei er gewisse Zwänge entwickelt und die Schwester Liz, lebt ein ausschweifendes Leben ohne an die Zukunft zu denken.

Ich mochte alle drei Charaktere sehr gerne. Sie sind authentisch und mit jedem konnte ich emotional mitempfinden. Besonders schön fand ich die Entwicklung zwischen Jules und Marty, die sich als Kinder und Jugendliche nicht so recht leiden konnten und im Erwachsenenalter sehr zusammen wachsen. 
Dann gab es da noch Alva, die Freundin von Jules. Auch sie mochte ich sehr, aber ich hätte gerne noch etwas mehr von ihr erfahren. Sie bleibt einem ein Geheimnis und mit Sicherheit ist das auch so gewollt und man soll sich seine eigenen Gedanken machen, aber irgendwie hätte ich es schön gefunden, z.B. mehr aus ihrer Zeit in Russland zu erfahren.
Es tauchen noch eine ganze Menge weiterer Charaktere auf, die ich sehr ins Herz geschlossen habe. Dazu gehören auf jeden Fall Toni, der Freund der drei Geschwister, und auch Elena, die Frau von Marty, die sich als sehr einfühlsam und warmherzig entpuppt. 

Der Schreibstil von Wells gefällt mir unheimlich gut. Ich liebe es, dass er so tiefsinnig und doch leicht verständlich ist. Schon bei "Spinner" war ich begeistert und hier erging es mir ebenso. 

Lieblingszitate

"Ich spürte die Nähe der anderen und wie warm und gemütlich es bei uns im Haus war. Doch das alles schien weit entfernt zu sein, denn ich war tief in mir selbst, und dort gab es nur kalte Angst."

"Doch wie sehr war mir diese Einsiedlerexistenz inzwischen zuwider, diese Unfähigkeit, am Leben teilzunehmen. Immer nur geträumt, nie wirklich wach gewesen. Sieh dich an, dachte ich, was sehnst du dich in Gesellschaft so oft danach, allein zu sein, wenn du das Alleinsein kaum noch aushältst."

"Ja, aber das Gegengift zu Einsamkeit ist nicht das wahllose Zusammensein mit irgendwelchen Leuten. Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit."

"Nur noch das dumpfe Mahlen der Stadt war in der Ferne zu hören, und allein hier draußen wurde mir mit einem körperlichen Schmerz bewusst, dass ich meine Zeit nicht genutzt hatte. Um Minuten gekämpft, wenn es darum ging, einen Bus noch zu erreichen. Jahre verschwendet, weil ich nicht das getan hatte, was ich wollte."

"Wir sind von Geburt an auf der Titanic. [...] Was ich sagen will: Wir gehen unter, wir werden das hier nicht überleben, das ist bereits entschieden. Nichts kann das ändern. Aber wir können wählen, ob wir schreiend und panisch umherlaufen oder ob wir wie die Musiker sind, die tapfer und in Würde weiterspielen, obwohl das Schiff versinkt." 

Ich habe bei der Bewertung ein bisschen zwischen vier und fünf Sternen geschwankt, da ich während der ersten hundert Seiten noch nicht ganz so begeistert war und die Geschichte dort, meiner Meinung nach, noch ein wenig dahingeplätschert ist, aber dann ging es steil bergauf und ich fand das Buch grandios. Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen und ich wurde richtig süchtig danach. Deshalb habe ich mich doch für 5 Sterne entschieden, da mich sehr selten ein Buch so mitnimmt und so in mir nachwirkt. 






Kommentare:

  1. Hallo Steffi,

    vielen Dank für deinen Besuch auf meinem Blog! Nun habe ich auch etwas bei dir gestöbert und bleibe gerne als Leserin hier. :)

    Eine tolle Rezension. Mir hat dieses Buch auch unheimlich gut gefallen, besonders der Schreibstil ist klasse und wie es einen nach und nach fesselt.

    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Oh das freut mich aber :). Ja, der Schreibstil von Wells ist sooo toll!
      Ganz liebe Grüße zurück,
      Steffi

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